Interview mit PD Dr. Michael Reinhard Heß

Bodenstedt hatte anfangs ja den Eindruck erweckt, er habe Gedichte (oder „Lieder“, wie er sie nannte) von Vazeh übersetzt, hat diese Aussage unter öffentlichem Druck aber später zurückgenommen und eingestanden, die „Lieder“ tatsächlich selber gedichtet zu haben

PD Dr. Michael Reinhard Heß

Turkologe

 © Alumniportal Aserbaidschan

Portal: Herr Heß, Sie sind Turkologe und untersuchen das literarische Vermächtnis des aserbaidschanischen Dichters Imadeddin Näsimi. Welchen Charakterzug seines Schaffens bewundern Sie am meisten?

PD Dr. Michael Reinhard Heß:     Seine emotionale Wirkung, die mehr als ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod noch unvermindert anhält und dank der Aktivitäten aserbaidschanischer Forscher, Verlage und Sponsoren gerade sogar noch am Zunehmen zu sein scheint. Diese ungeheure emotionale Stärke ist aus meiner ganz persönlichen Sicht heraus noch höher zu bewerten als Näsimis unbestrittenes höchstes Niveau auf der Ebene der Sprache, Stilistik, der Stilfiguren, des Rhythmus, der Verwendung mystischer Anspielungen usw. (hier haben die Aserbaidschaner auch andere dichterische Genies, die Näsimi das Wasser reichen können, wie etwa Füzuli). Denn diese emotionale Tiefe ermöglicht es nicht nur Lesern beispielsweise in Aserbaidschan, also in einer Gegend, die aus meiner (westlichen) Sicht irgendwie immer noch eher „orientalisch“ ist, sondern überall auf der Welt die Seelen und Gemüter zum Schwingen zu bringen, Brücken zu bauen, anzuregen. Ich habe schon mit etlichen Menschen Gedichte Näsimis gelesen, um deren Wirkung auszuprobieren. Darunter waren Aserbaidschaner, Russen, Uigure, Deutsche, Österreicher, Türken, Kasachen und andere. Teilweise haben wir die deutsche, teilweise die aserbaidschanische Version (aus der zweisprachigen Ausgabe des Şärq-Qärb-Verlages, erschienen in Baku 2002) angesehen. Die Reaktion war in 90% der Fälle: Wow! Auch wenn man sofort versteht, dass man nicht alles verstehen kann, was Näsimi da sagt, er hat einen Zauber, eine Magie, die Schichten unseres Bewusstseins anspricht, von denen wir oft gar nicht wissen, dass sie da sind, die aber liebevoll, tief, stark und leidenschaftlich sind. Selbst säkular, laizistisch und atheistisch eingestellte Leser, von denen man erwarten sollte, dass sie theoretisch den vollkommen religiös orientierten Gedichten Näsimis eher fernstünden, können sich der Kraft von Näsimis Seele meistens nicht entziehen. Das für mich anregendste Erlebnis war, einige von Näsimis Versen mit einem Experten für die Schriften Jakob Böhmes zu lesen. Was da an Erkenntnissen zustande kam (über Romantik, deutsche und aserbaidschanische Kultur, Jesus, Sehen, Leben, Fühlen usw. usw.), war absolut spektakulär. Ich beneide jeden aserbaidschanischen Muttersprachler um die Fähigkeit, Näsimi direkt lesen zu können!

Portal: Das dichterische Erbe von Mirza Shafi Vazeh, einem der prominentesten Poeten Aserbaidschans im 19. Jahrhundert, zählt ebenso zu einem ihrer Schwerpunkte. Dem aserbaidschanischen Leserpublikum wird seit Jahrzehnten nahegelegt, Bodenstedt habe die Werke von Vazeh gestohlen und diese bei der Veröffentlichung in Deutschland als „eigene“ präsentiert. Wie stehen Sie zu dieser Behauptung?

PD Dr. Michael Reinhard Heß: Bodenstedt hatte anfangs ja den Eindruck erweckt, er habe Gedichte (oder „Lieder“, wie er sie nannte) von Vazeh übersetzt, hat diese Aussage unter öffentlichem Druck aber später zurückgenommen und eingestanden, die „Lieder“ tatsächlich selber gedichtet zu haben (bis auf ganz wenige Verse, die vielleicht Nachdichtungen orientalischer Originale sind, die aber nicht unbedingt von Vazeh stammen müssen). Bis heute sind auch vermeintliche Originale der „Lieder“ nirgends aufgetaucht. Es gibt also zwei Behauptungen, die es zu überprüfen gälte. Erstens: Existieren Originalgedichte oder -lieder von Vazeh, auf die Bodenstedts „Lieder“ zurückgehen könnten? Zweitens: Inwieweit könnten diese mutmaßlichen Originale Bodenstedt bei der Abfassung seiner „Lieder“ beeinflusst haben (Inspiration, motivische Anlehnung usw.)? Zur ersten Frage: Ich halte es für unstatthaft, von der Existenz dieser angeblichen Originale auszugehen, bevor man nicht einen aserbaidschanischen (oder persischen) Text gefunden hat, der von Vazeh stammt und von dem man nachweisen kann, dass er als Vorlage für Bodenstedts „Lieder“ diente. Niemand hat eine Gedichtsammlung Vazehs in aserbaidschanischer oder persischer Sprache veröffentlicht, also gibt es sie vorläufig nicht. Daher sind so gut wie alle momentan geführten Diskussionen über das Werk Vazehs und seine Wirkung reine Spekulation (das meiste, was ich dazu auf Russisch oder Aserbaidschanisch gesehen habe, bezieht sich ohnehin auf Rückübersetzungen von Bodenstedts „Liedern“, hat also nur einen sehr geringen bis gar keinen Quellenwert). Ich habe in der Literatur nur ganz wenige Originalverse (die meisten auf Persisch) von Vazeh dokumentiert gefunden (über ein Gedicht davon habe ich in der Festschrift Schönig geschrieben). Diese, und damit komme ich schon in die zweite Frage hinein, reichen aber schon vom Umfang her wohl nicht aus, um eine Vorlage der „Lieder“ abzugeben. Und dann gibt es alle möglichen Probleme, angefangen von der inhaltlichen Übereinstimmung bis zu den unterschiedlichen Metriken im Aserbaidschanischen, Persischen und Deutschen. Man kann Bodenstedt wohl vorwerfen, zu Anfang den Namen Vazehs benutzt zu haben, um seinen eigenen Dichtungen ein orientalisches Flair oder was auch immer zu geben. Anderseits ist es fraglich, ob er damit etwas „gestohlen“ hat, solange die Existenz dieses Etwas (Vazehs mutmaßliche Gedichte) nicht sicher erwiesen ist. Übrigens, und das nur am Rande, sehe ich die eigentlich spannende Frage innerhalb dieses ganzen Themenkomplexes im (persönlichen, kulturellen, künstlerischen) Verhältnis zwischen Vazeh und Bodenstedt, deren Begegnung historisch als gesichert gelten darf. Es sieht so aus, als ob es bei ihrer Begegnung in den 1840-er Jahren eine Win-Win-Situation für beide gegeben habe. Was beide dann genau voneinander gewonnen haben, müsste man im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes eruieren. Da spielen auch die Diasporen in Tbilissi in der Zeit ab ca. 1840 einer Rolle, Armenier wie Chatschatur Abowjan, dann Beziehungen zu Russland, Polen, Deutschland usw., ganz zu schweigen natürlich von den aserbaidschanischen Figuren, wie Axundov. Ein spannendes Thema, wo es noch viel zu forschen gäbe. Leider bin ich mit dem Versuch, dafür Mittel bei der DFG einzuwerben, gescheitert, obwohl beide Gutachter sich positiv äußerten.

Portal: Sind sie der Auffassung, dass Babek eine von den Sowjets erschaffene mythische Figur war, wodurch die aserbaidschanische Bevölkerung zu Propagandazwecken manipuliert werden sollte? Oder haben sie eine andere Sichtweise?

PD Dr. Michael Reinhard Heß: Babek ist eine historische Figur. Was die Sowjets daraus machten, ist eine andere Frage. Aber es gibt immer einen Unterschied zwischen einer historischen Figur und ihrer späteren (oder heutigen) Darstellung. Man kann die Sowjets sicher für ihre politische Instrumentalisierung dieser Figur kritisieren. Dieselbe Kritik kann man im Übrigen auch bei den interpretationes Sovieticae von Nesimi und Vazeh anbringen, wo die Divergenz zwischen der historischen/ literarischen Überlieferung und dem sowjetischen Mythos aus meiner Sicht noch viel frappierender ist als bei Babek. Es kann noch viel getan werden, um Babek stärker aus der Sicht der historischen Quellen darzustellen und nicht aus der Sicht späterer Generationen.

Portal: Sie setzen sich auch mit postsowjetischen Identitätsdiskursen im turksprachigen Raum (hier schwerpunktmäßig mit Aserbaidschan und Baschkortostan) auseinander. Welche Forschungsergebnisse im Falle Aserbaidschans haben sie bisher feststellen können?

PD Dr. Michael Reinhard Heß: Das ist eine Frage, auf die man eine lange, oder sogar sehr lange Antwort geben könnte (und wahrscheinlich doch nicht zu einem für irgendjemanden befriedigenden Ergebnis käme!). Nur so viel: Mir scheint es evident, dass viele postsowjetische Turkvölker (Aserbaidschaner, Baschkiren, Tataren, Kasachen, Uiguren…) das ideologische Vakuum, das durch die Implosion der marxistisch-leninistschen Ideologie (beziehungsweise Ersatzreligion) entstanden ist, zu füllen. Ich halte es für absolut notwendig und legitim, dass diese Völker sich ihre eigene „Identität“ (by the way gibt es beispielsweise auf Türkeitürkisch dafür den Begriff kimlik „Wer-heit“, der schon aufgrund seiner Unabhängigkeit von der Etymologie von identity usw. interessant ist) suchen. Allerdings sind die Vorschläge, die dabei gemacht werden, nicht selten abenteuerlich. Auch hier muss man sich vor Scharlatanen hüten. Manches, was vorgeschlagen wird, ist absurd, anderes sogar gefährlich. Vielleicht wird es für die Leute im postsowjetischen Raum in Zukunft wichtiger sein, zu wissen, wo bestimmte Identitätskonstruktionen herkommen, von wem sie in Umlauf gesetzt werden, als sich bloß auf den Inhalt dieser oder jener Identitätsvariante zu festzulegen. Das Internet und die freie Presse leisten dabei schon Tolles, wie ich bei meinen kürzlichen Besuchen in Kasachstan feststellen konnte. Aber es wächst auch, gerade in Aserbaidschan, eine junge Generation hervorragender Historiker heran, die in der Lage sind, dem breiten Publikum bei der Auswahl ihrer Identitätspräferenzen zu helfen.

Portal: Im Buch “Panzer im Paradies“ gehen Sie auf den Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ein. Welche realistischen Lösungsansätze können sie sich noch vorstellen? Und Gegenüberstellung der Vergangenheit mit der Gegenwart: Was hat sich aus ihrer Sicht geändert?

PD Dr. Michael Reinhard Heß: Ich vermute, dass eine Lösung nicht ohne das Einverständnis und Mitwirken Russlands möglich sein wird. Dieses wiederum wird stark vom Verhältnis Russlands zum Westen und den anderen internationalen Akteuren abhängen. Wie dieses Verhältnis sich entwickelt, ist momentan aber aus meiner Sicht eher unklar, nicht nur wegen Trump. Letzten Endes sind Aserbaidschan und vor allen Dingen Armenien kleine Länder, die stark durch größere Mächte (wie die USA und Russland) beeinflussbar sind und von deren Verhalten abhängen, das sich auf den Konflikt positiv aber auch (wie es in der Vergangenheit bisweilen gewesen ist) eher negativ auswirkt. Berg-Karabach ist aus meiner Sicht eine Projektionsfläche oder ein Austragungsort für Konflikte, von denen einige gar nicht primär mit Aserbaidschan und Armenien zu tun haben. Einige dieser Konflikte könnten im Laufe der Zeit verschwinden, aber es könnten auch andere hinzutreten. Angesichts der derzeitigen geopolitischen Lage möchte ich mich aller Vorhersagen für die Zukunft enthalten. Verstehen Sie mich bitte nicht als Zyniker, aber was sich wohl über die Jahrzehnte hinweg nicht geändert hat, ist, dass die Bevölkerung Aserbaidschans und damit Berg-Karabachs zum Spielball von Interessenlagen gemacht worden ist, mit denen sie eigentlich nichts am Hut hat. Ich glaube, dass die meisten Bewohner Aserbaidschans, wie auch Armeniens, eigentlich nur in Frieden bei sich zu Hause leben wollen. Es wäre an der Zeit, dass die internationale Politik diesen Wunsch respektieren würde und wenigstens die Besetzung der aserbaidschanischen Gebiete beenden und die Rückkehr der aus ihnen Vertriebenen ermöglichen würde. Leider sind der sogenannten internationalen Gemeinschaft offenbar andere Dinge wichtiger…

Portal: Mit der Errichtung einer neuen Onlineplattform streben wir die Bündelung akademischer Aktivitäten aserbaidschanischer Alumni in Deutschland an, indem wir durch Veröffentlichung verschiedenartiger Beiträge auf politisch-wirtschaftlich-kulturellen Gebieten einen regen Austausch zwischen unseren Teilnehmern ermöglichen wollen. Was können Sie uns in diesem Zusammenhang aus ihrer langjährigen Erfahrung mit auf den Weg geben?

PD Dr. Michael Reinhard Heß:  Schwer zu sagen, ob ausgerechnet ich Ihnen da etwas beibringen kann. Ich bin überaus beeindruckt von der Aktivität der aserbaidschanischen Exilgemeinde und der Deutsch-Aserbaidschanern (oder wie auch immer sie sich selbst bezeichnen würden). Ich bewundere immer deren Fähigkeit, in ihrer eigenen Kultur zu leben, diese zu kennen und an uns Deutsche zu vermitteln. Es ist aus meiner Sicht absolut essentiell für uns alle, Europäer, aber wohl auch Aserbaidschaner, dass wir unabhängig von allen inhaltlichen Positionen, auch unabhängig von der politischen Entwicklung eine stabile Basis der Kommunikation auf allen Ebenen, aber vor allen Dingen auch auf der informellen, nichtstaatlichen schaffen. Nur wenn wir Dinge haben, die wir gemeinsam erleben und – ja, warum nicht? – auch gemeinsam genießen, dann werden schöne Worte wie „Dialog“ oder „deutsch-aserbaidschanische Kulturkontakte“ mehr sein als das, sondern zu einer Realität. Veranstaltungen wie der Eurovision Song Contest können nicht mehr als ein Anfang sein. Sowohl das Beispiel Türkei als auch die deutsch-französischen Beziehungen zeigen, dass ein kultureller Dialog wohl nicht ohne Segen von oben möglich ist, sprich auch Geld. Die Türkei ist ein negatives Beispiel, weil die dortige politische Entwicklung den kulturellen Austausch derzeit massiv behindert. Die deutsch-französischen Beziehungen seit den 50er-Jahren, seit dem Ende der unsäglichen „Erbfeindschaft“ sind dagegen wohl eher ein Erfolgsmodell. Aber auch hier gibt es nichts, worauf man sich ausruhen darf. Wir müssen die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen leben, so wie wir die deutsch-französischen leben. Freunde machen, hinfahren, leben, lernen, essen, trinken. Vor allen Dingen sollte das alles eine Normalität werden, also weg von der Vorstellung, dass Aserbaidschaner exotische Wesen sind, an die man nicht herankommt oder die per se alles anderes denken, fühlen und wahrnehmen als wir.

Talk&Cay mit Michael Hess

Während der Veranstaltung sind auch ein paar Worte über Bodenstedt gefallen. Der Schriftsteller Friedrich von Bodenstedt hat den aserbaidschanischen Dichter Mirza Schaffy (urspgrl. Mirzə Şəfi Vazeh) in Tiflis kennengelernt. 1851 hat er in Deutschland das Buch „Die Lieder des Mirza-Schaffy“ veröffentlicht.