Matthias Wolf – Kommentar zur Berichterstattung von n-tv über die Lage in Bergkarabach und die Rolle Aserbaidschans und der Türkei

Wenn man sich über den Konflikt zu Bergkarabach Gedanken macht, reicht es zunächst nicht, diesen auf die Ereignisse in den Jahren 1991-1994 zu reduzieren, die vor allem in Aserbaidschan von armenischer Seite immer wieder Aggressionen konstatieren lassen. Jene Ausschreitungen lassen immer wieder scheinbar den Schluss zu, dass es sich um einen inter-ethnischen oder interreligiösen Konflikt handeln könnte. Doch ist diese Klassifizierung wirklich stichhaltig? Nach Aussagen des Nachrichtensenders n-tv kann der unkritische Zuschauer sich zu etwaigen Annahmen verleiten lassen, wären da nicht berechtigte Zweifel an dem Wahrheitsgehalt bestimmter Äußerungen, die nichts mit Analyse oder einem neutralen Bericht, sondern vielmehr mit der gezielten Vermittlung von Klischees und Feindbildern zu tun haben.

So wird beispielsweise in dem Artikel behauptet, dass Ilham Aliyev und seine Familie ein Leben in Luxus und unermesslichem Wohlstand führen und sich gerade durch die Rohstoffkrise, die durch den Krieg im Nahen Osten noch verschärft wurde, profilieren wollen. Dies kann man getrost als ein Hirngespinst ansehen, da Aserbaidschan- trotz Rohstoffkrise- immer noch wirtschaftlich stark ist und es gar nicht nötig hat, andere Lände zu eigenen Gunsten zu schwächen. Die Motivation, das Gebiet von Bergkarabach wieder zurück zu erhalten, hat historische und ethnische Gründe. Mehrheitlich leben in diesem Gebiet Aserbaidschaner, die momentan zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden sind. Der Anteil der Armenier, die in Bergkarabach leben, ist zwar gleichwohl nicht zu vernachlässigen, weist aber lediglich die Tatsache aus, dass in GRENZGEBIETEN immer Angehörige zweier oder mehrerer Länder und Ethnien leben. Dies war seit Jahrhunderten so. Doch Bergkarabach gehörte genauso jahrhunderte lang zum Kalifat von Genca, dem Vorläufer der heutigen (Nord-)Aserbaidschanischen Republik. Während der Sowjetzeit war es ebenfalls zu Aserbaidschan gehörig. Die Zahl der Armenier, die damals dort lebte, war den aserbaidschanischen Bürgern per Dekret gleichgestellt und litt weder unter ethnischer, noch religiöser Verfolgung oder Diskriminierung. Insofern ist historisch einwandfrei nachzuweisen, dass spätestens seit 1922 (Gründung der SU) Bergkarabach zum aserbaidschanischen Territorium gehörte. Eine plötzliche Veränderung dieser Verhältnisse, etwa durch Angliederung an Armenien, würde der Mehrheitsbevölkerung im Sinne der Identitätswahrung nur schaden.

Ein weiterer Punkt, den der Artikel anspricht und in dem er, meiner Ansicht nach, Unrecht hat, ist die Verortung der Religion im Staatswesen Aserbaidschans bzw. der Zusammenhang zwischen türkischer und aserbaidschanischer Staatsräson im Bezug auf dieses Thema. Richtig ist zunächst, dass sich, seit der Regierung von Recep Tayyip Erdogan in der Türkei eine Radikalisierung bezüglich religiöser Ansichten eingestellt hat. Aber solche Entwicklungen auf Aserbaidschan übertragen zu wollen, ist nicht zielführend und geht eher in Richtung einer Vorverurteilung der Aserbaidschaner und ihrer Landeskultur. Letztere war schon immer von interreligiöser Toleranz und guten nachbarschaftlichen Beziehungen geprägt. Dies hat sich bis heute erhalten.

So gibt es in Aserbaidschan jüdische, christliche und muslimische Gemeinden in den großen Städten, wie Baku oder Sumqayt.
Es besteht zwar eine Meldepflicht für alle religiösen Gemeinden und Vereinigungen, doch ist dies eher ein Relikt des sowjetischen Staatswesens, als eine Maßnahme zur Diskriminierung anderer Religionsgruppen.

Hinzu kommt, dass der Islam in Aserbaidschan sehr säkularisiert worden ist und sich kaum mit der institutionalisierten Religion in Pakistan oder dem Iran vergleichen lässt. Auch interreligöse Ehen sind üblich geworden, sowohl im Land selbst, als auch in der Diaspora. Diese Offenheit und interkulturelle Neugierde war schon in früherer Zeit charakteristisch und führte zu einem regen Austausch mit Europa.

Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges lebten beispielsweise viele Deutsche im Nordkaukasus, die von den Aserbaidschanern herzlich aufgenommen wurden. In den Achtzigerjahren des 19. Jhd. war ein deutscher Ingenieur namens Nikolaus von der Nonne sogar regierender Bürgermeister von Baku. Und zu Zeiten des staatlich verordneten Antisemitismus in Deutschland (1933-1945) versteckten viele Aserbaidschaner die verfolgten Juden in den Moscheen ihrer Städte.Diese Seite der Geschichte ist kaum bekannt und offenbar von den Autoren des online-Artikels übersehen worden.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal meine ganz persönliche Position zu Aserbaidschan, seiner Bevölkerung und seiner Mentalität offenlegen. Meiner Ansicht nach handelt es sich um ein Land, über das die Menschen in Europa viel zu wenig wissen und über welches noch weiterhin viel Kultur- und Aufklärungsarbeit zu leisten sein wird. Zu diesem Zwecke kann der von n-tv verfasste Artikel jedoch nicht beitragen, da er weder Differenzierungen, noch genauere Darlegungen zu den kulturellen Eigenheiten dieses kleinen, aber vielfältigen Landes enthält. Ich selbst habe bereits einige zwischenmenschliche, gesellschaftspolitische und historiographische Erkenntnisse über Land und Leute sammeln können und bin zu dem Schluss gekommen, dass Aserbaidschan ein Land ist, das man kennen lernen muss und dem ich immer freundschaftlich verbunden bleiben werde.
Matthias Wolf, Potsdam, den 06.04.2016
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