Pogrom in Baku: letzte Welle der AsSSR

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Alexija Kraft

Universität Potsdam

In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1990 stürmten die bis an die Zähne bewaffneten Sowjetsoldaten Baku und verübten ein blutiges Massaker. Einen derartigen Aufmarsch hatte die Stadt bis dahin nicht erlebt. Videoaufnahmen zeigten beinahe hollywoodähnliche Szenen – Schüsse und ein echtes Pogrom auf den Straßen Bakus. Was auf den ersten Blick durch die vielfältigen Aufnahmen und Winkel wie ein Spielfilm wirkte, war die grausame Realität einer ganzen Stadt und später eines ganzen Volkes.

Als eine der ersten sowjetischen Republiken nahm Aserbaidschan ein eigenes Verfassungsgesetz an. Damit wurde am 23.09.1989 der Wunsch Aserbaidschans nach mehr Selbstbestimmung verdeutlicht. Auch die 1988 gegründete aserbaidschanische Volksfront, die die politisch angestrebte Öffnung zum Westen hin aktiv unterstützt, kann als Bestätigung gesehen werden. Den Wunsch nach Freiheit und um jegliche revolutionäre Gedanken im Keime zu ersticken, schickt Moskau Januar 1990 unter der Genehmigung des Generalsekretärs der KPdSU Michail Gorbatschow Militär nach Baku. 66.000 Soldaten der Sowjetarmee seien gen Baku geordert worden schreibt die „Zeit“ über diesen Akt.                               

Die Armee soll die Protestierenden niederschlagen und für die Einhaltung sowjetischer Ordnungen sorgen. Was aber war der tatsächliche Auslöser dieser enormen Proteste?                                                                        

Nachdem Gorbatschow 1985 an die Macht kam, ließ er eine Öffnung der sozialistischen Nationen zu. Mit Glasnost und Perestroika werden die umfangreichen Reformen in allen Lebensbereichen (Staat, Wirtschaft, Gesellschaft) bis heute bezeichnet. Diese Reformen sorgten allerdings auch dafür, dass die Bürger und Genossen ihre Freiheitsgedanken äußern, die Menschen protestierten gegen das sowjetische Regime und wollten nun die gesamte Selbstbestimmung, statt einer Moskauer Kontrollinstanz. Viele sowjetische Republiken waren in Aufruhr und von Protesten geplagt, darunter ebenso Aserbaidschan, sodass Protestierende auf den Straßen von Baku Forderungen nach einem Austritt ihres Landes aus der UdSSR verlangten. Man wollte die alten sowjetischen Regierenden stürzen. Später wurden diese Forderungen als Putschversuch von sowjetischen Politikern gewertet.

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Am 20. Januar nach Mitternacht dehnte der Kreml den Ausnahmezustand über die Provinz Berg-Karabach auf Baku aus. Der bereits verhängte Ausnahmezustand war eine der wenigen Reaktionen des Kremls zu den zwischenethnischen Konflikten dieser Provinz. Die Proteste der bereits erwähnten Volksfront Aserbaidschan wurden um ein Vielfaches verstärkt, nachdem Armenien (ArSSR) am 1. Dezember 1989 verkündete, die Provinz Berg-Karabach solle an eben jene annektiert werden.

Die durch die Konflikte um Berg Karabach angeheizten Proteste in Baku führten zu einer Eskalation. Nach Ausdehnung des Ausnahmezustandes  wurden Evakuierungsarbeiten geleistet, sodass kurz nach Mitternacht die gesandte Armee Baku stürmen konnte. Es kamen Panzer, Marineeinheiten und bewaffnete Soldaten zum Einsatz, während ihre Gegner meist unbewaffnet waren.

Heute spricht man von mindestens 131 Toten sowie mehr als 800 Verletzten.

Die sowjetische Elite verteidigte die Invasion und erklärte diese als Notwendigkeit zum Schutz und Erhalt des Staates. Gerade durch die Zuspitzung der Lage um Berg-Karabach zu jener Zeit, eine Woche vor dem 20.01.90, waren sowjetische Truppen bereits „zum Schutz der Armenier“ vor Ort. Noch vor dem Massenmord am 20. Januar wurden bereits alle noch verbliebenen Armenier aus Baku evakuiert. Jedoch griff das Militär nicht mit solch einer Gewalt in die konfliktsuchenden Gruppierungen ein. Lediglich war solch ein Gewaltakt während der Belagerung von Baku zu vermerken. Der Reformpolitiker Gorbatschow erklärte später, man habe sich bemüht, einen Putsch zu verhindern und Extremisten zu bekämpfen.  „Verantwortungslose Hasardeure forderten die Abtrennung der Republik von der Sowjetunion und ein islamisches Aserbaidschan.“, so Gorbatschow. In einem seiner späteren Interviews bezeichnete Gorbatschow die Entscheidung über den Truppeneinsatz in Baku als den größten Fehler seiner gesamten politischen Laufbahn. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet im Jahr 1990 bekam er den Friedensnobelpreis verliehen. Die blutige Niederschlagung der aserbaidschanischen Unabhängigkeitsbewegung ging jedoch unbemerkt an der Weltöffentlichkeit vorbei.

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Mit der Wiederherstellung der Sicherheit begründete Gorbatschow sein Handeln diesbezüglich fortan, sodass man sich hier an das ursprüngliche sowjetische Modell erinnert fühlte, nicht jedoch an die Worte über Glasnost und Perestroika. Dennoch war der Zerfall der Sowjetunion abzusehen. Mit ihren Handlungen machte sich die politische Führung zunehmend unpopulär. Sie wurden als Feinde angesehen, der Großteil der Republiken sah einer Trennung von der Union positiv entgegen. 

Die Tragödie vom 20. Januar besiegelte im Grunde genommen das Schicksal der kommunistischen Macht in Aserbaidschan endgültig. Am 18. Oktober folgte das Land dem Beispiel anderer Unionsrepublik und verkündete seine Unabhängigkeit.

Schwarzer Januar
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